Erwachsen.

Nicht mehr lange, dann werde ich 21. Eigentlich kein besonderes Alter, ausser dass ich dann erstmals in ein Casino darf, und mit 0,5 Promille am Steuer sitzen darf, aber das interessiert mich weniger. Ich kann doch sowieso nicht einschätzen, wie viel Promille ich habe – aber nunja. 21 ist nunmal eigentlich kein besonderes Alter. Jedoch hört sich die Zahl 21 für mich erstmals nach einem „richtigen Erwachsenen“ an. Nach einem Alter, bei dem so richtig eine Zwei davor und eine richtige andere Zahl dahinter steht. Ein Alter, in dem man eben so richtig erwachsen ist.

Eigentlich bin ich ja jetzt bereits seit drei Jahren offiziell erwachsen, studiere und verdiene seit zweieinhalb Jahren Geld, und kann schon seit über vier Jahren Autofahren – und das ohne Punkte in Flensburg. Aber so richtig erwachsen gefühlt habe ich mich bislang nie. Obwohl ich selbst Rechnungen bezahlen kann, mobil bin, und eigentlich tun und lassen kann, was ich will, ohne dass ich irgendetwas vorgeschrieben bekomme.

Was bedeutet es denn dann, erwachsen zu sein? Reicht es aus, selbstständig und verantwortungsvoll zu sein, eine „richtige Arbeit“ auszuüben, sich weiterzubilden? Reicht es aus, eigens verdientes Geld zu besitzen, auch Geld anzulegen und zu sparen, und in eine Lebensversicherung einzuzahlen?

Manchmal bin ich mir nicht sicher, warum ich mich denn nicht erwachsen fühle. Es müsste fürs Erwachsensein doch ausreichen, auf dem Sofa zu sitzen und nach schönen Laminatböden zu googlen, nach den günstigsten Trocknern zu recherchieren und sich eine Exceltabelle mit monatlichen Ausgaben anzulegen. Oder sich in seiner Freizeit um Zimmerpflanzen zu kümmern und sich mit Freelancing und Business-Blogposts zu beschäftigen. Sich auf der Arbeit gegenüber älteren Kollegen zu behaupten und mit ThinkCell-Templates um sich zu werfen.

Reicht das denn nicht?

Naja, offensichtlich nicht. Vielleicht möchte ich mich ja einfach nicht erwachsen fühlen, möchte für immer jung bleiben, um darüber hinwegzutäuschen, wie mein Körper bereits altert, und darüber, dass ich mich an manchen Tagen bereits wie 80 fühle. Darüber, dass meine Knie beim Treppensteigen knacken und schmerzen, und darüber, dass das Metall in meinen Beinen bei jeder Überbelastung beim Sport eine Schleimbeutelentzündung auslöst. Darüber, dass ich in meinem Leben vielleicht bereits mehr Medikamente genommen habe, als mancher 50-jähriger.

Vielleicht möchte ich aber auch einfach nicht erwachsen sein, weil meine Jugend schön war. Sie war nicht sorglos, aber die meisten Erinnerungen waren toll, und ich würde sie um alles in der Welt gerne wiederholen. Vielleicht wünsche ich mir die Schulzeit zurück, in der der Geschichtsunterricht mit Abfrage der Low-Point eines Tages war, und Leistung für mich irgendwie noch eine untergeordnete Rolle spielte. Vielleicht wünsche ich mir die Wochenenden zurück, an denen alle meine Freunde noch auf einem Haufen waren, während sich heute alle etwas verstreut haben und eigene Erwachsenen-Probleme besitzen. Vielleicht wünsche ich mir das alles zurück. Aber die Geschichte geht weiter.

Noch in keinem Jahr hatte ich wohl so Großes vor, wie im Jahr 2021. Keines der letzten Jahre war ereignislos, immer ging es voran, doch in diesem Jahr scheint besonders viel zu passieren, jedenfalls, wenn alles läuft, wie geplant.

Im Jahr 2021 werde ich mein Studium abschliessen und beginnen, richtig zu arbeiten, als richtige Angestellte, ohne Uni oder Ausbilder. Ich werde ausziehen und damit den letzten Schritt zur vollkommenen Selbstständigkeit gehen. Es fühlt sich natürlich an, das niederzuschreiben, denn es macht mir keine Angst. Es ist einfach der natürliche Weg, den ich gehen möchte und werde, und auf den ich die letzten Jahre hingearbeitet habe.

Und trotzdem, trotz dieser konkreten Pläne und dieser fest berechneten Vorhaben, fühlt es sich jeden Tag aufs Neue an, als würde nichts vorangehen. Als würde nichts passieren, als würde die Zeit nicht vergehen, als würde ich nicht altern. Denn in der Corona-Zeit ist jeder Tag gleich.

2 Kommentare zu „Erwachsen.

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