Ehrenämter – warum Engagement bei jungen Menschen immer unbeliebter wird

Meine Meinung.

Teaser: In diesem Artikel rede ich vor allem über meine eigenen Erfahrungen mit Ehrenämtern, und darüber, was mich daran teilweise stört. Im Gespräch mit anderen Menschen meiner Generation konnte ich ähnliche Erfahrungen einfangen. Jedoch ist diese Thematik damit nicht belegt – es handelt sich lediglich um meine persönliche Auffassung des Themas.

Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich ehrenamtlich aktiv und in einem Vereinsvorstand tätig, seit Kurzem befinde ich mich auch in einem politischen Ehrenamt. Ich bringe mich gerne ein und beschäftige mich dabei mit lokalen Gemeinschaften und deren Bedürfnissen. Das gemeinschaftliche Leben in meinem Heimatort mitzugestalten und spannender zu machen, liegt mir am Herzen. Jedoch ist dieses Engagement nicht immer einfach mit Arbeit, Studium oder Schule zu verbinden. Häufig entstehen große Zeitaufwände, sobald Klausurtagungen, Aufgaben und Weiteres anfallen. Dies ist im Grunde genommen kein Problem – der Spaß an der ehrenamtlichen Arbeit bleibt, und auch wenn einmal Stress entstehen sollte, weiß man doch immer, wofür man dies tut und wie man damit einen Mehrwert generiert. Das Verständnis dafür, dass Vereinsaktivitäten zurückgestellt werden müssen, sobald geschäftliche oder schulische Termine dazwischenkommen, ist außerdem jederzeit gegeben.

Insgesamt sehe ich jedoch bei der allgemeinen Organisation von ehrenamtlichen Aktivitäten viel Luft nach oben. Nehmen wir ein praktisches Beispiel. In einer Vorstandssitzung, an der ich teilgenommen habe, lag die Tagesordnung bei einer veranschlagten Länge von 60 Minuten. Nach zwanzig Minuten war die Tagesordnung jedoch noch nicht einmal gestartet. Da die Länge der Sitzungen bereits häufig völlig aus dem Ruder gelaufen war, entschied ich mich dazu, für die laufende Sitzung eine Methode aus dem Lean Management anzuwenden. Bei dieser Methode werden die Redezeiten der Teilnehmer inhaltlich analysiert, sodass klar wird, welche Zeiten tatsächlich zum Thema beitragen, und welche Off-Topic-Themen behandeln. Alle Off-Topic-Redebeiträge werden laut dem Lean Management als Verschwendung gewertet und sind nicht für die Debatte relevant. Bei meiner Analyse entstanden die Folgenden Ergebnisse: die gesamte Sitzung dauerte 2,5 Stunden, obwohl die Tagesordnung auf maximal eine Stunde veranschlagt wurde. Von allen Redebeiträgen trugen im Endeffekt etwa 40% tatsächlich zum Thema bei. Weitere 40% der Beiträge bestanden aus langen Vorreden und Überleitungen, welche zwar das eigentliche Thema einleiteten, jedoch nicht den eigentlichen Punkt oder den Mehrwert zur aktuellen Debatte enthielten. Hierbei kam es zu Erzählungen aus vergangenen Urlauben, über Enkelkinder oder vergangene Freundschaften. Die restlichen 20% der Beiträge enthielten keinen Bezug zum eigentlichen Sitzungsthema.

Damit wird klar, dass die eigentliche Länge der Tagesordnung zwar sehr korrekt veranschlagt wurde, durch nicht zum Thema beitragende Reden jedoch nicht ansatzweise eingehalten werden konnte. Natürlich handelt es sich bei diesem Verein um eine Freizeitbeschäftigung, und vielleicht sollte nicht alles so ernst genommen werden. In Zeiten, in welchen jedoch immer mehr Ehrenamtliche Kräfte aufgrund von Zeitmangel ihr Engagement beenden, halte ich es für sehr relevant, Ehrenämter möglichst effizient zu gestalten. Private Gespräche können im privaten Rahmen natürlich trotzdem geführt werden, sodass jeder teilnehmen kann, der Zeit und Lust hat – jedoch niemand gezwungen ist, der die Zeit eben aktuell nicht besitzt.

Auf meine Forderung, meine Analyse der Sitzung zukünftig etwas zu beachten, welche von mir im Übrigen sehr sensibel angebracht wurde, wurde teilweise sehr pikiert reagiert. Deshalb rechne ich nicht damit, dass sich zukünftig etwas ändern wird. Was allerdings wirklich schade ist.

Ja, vielleicht war diese Vorgehensweise etwas provokant. Ja, vielleicht sollte ich die Umstände einfach akzeptieren. Doch es stört mich einfach, zu sehen, wie von mir geliebte Institutionen praktisch aussterben. Denn besonders junge Menschen, welche die Zukunft eines Vereins und damit des kulturellen Lebens einer Gemeinde darstellen können, sind meiner Erfahrung nach von endlosen Debatten und viel Zeitverschwendung genervt. Junge Menschen wollen machen. Und nicht eine Stunde emotional darüber diskutieren, ob auf dem nächsten Straßenfest Fanta oder Spezi ausgeschenkt wird, wobei zahlreiche Erzählungen miteinbezogen werden, bei welchem selbst besuchten Fest der vergangenen 30 Jahre es welche Getränke gab und wie diese ganz genau geschmeckt haben. Solche Diskussionen werden als unnötig betrachtet und lassen bei jungen Menschen Verdruss am Engagement entstehen, was sie dazu bewegt, nicht einmal solch ein Amt aufzunehmen.

So viel zu meinem größten Punkt. Ein weiterer, wohl ebenso zentraler Punkt ist die immer noch andauernde, extreme Bürokratisierung der Vereinsarbeit. Meiner Erfahrung nach sind Vereinssatzungen häufig beinahe so alt wie der Verein selbst, und beinhalten dementsprechende Punkte, die einfach nicht zeitgemäß sind. Dies reicht von der verpflichtenden Besetzung bestimmter, mittlerweile wohl irrelevanter Ämter über die verpflichtende schriftliche Einladung der Mitglieder zu Versammlungen per Post bis hin zu unflexiblen Satzungen, welche kaum eine Satzungsänderung möglich machen. Digitale Möglichkeiten, flexible Organisationen und agile Vereinsprozesse? Fehlanzeige. Für junge Menschen fehlen also die in wirtschaftlichen Organisationen bereits weitverbreiteten Werte der agilen Organisation, die Flexibilität und die Innovation. Bürokratie und strenges „An-Regeln-halten“ in der Freizeit? Unattraktiv. Junge Menschen wollen sich stattdessen ausleben, Ideen umsetzen und mitgestalten.

Nein, natürlich möchte ich damit nicht sagen, dass ich mein Ehrenamt beenden werde oder die Motivation verliere. Ich werde stattdessen in allen meinen Engagements weiterhin dafür plädieren, neue Wege zu gehen und mehr Freiräume zu schaffen, welche eine Mitarbeit für junge Menschen sowohl attraktiver als auch grundsätzlich möglich macht – auch wenn es dem bisherigen „Establishment“ manchmal vielleicht nicht passt. Mir liegt das Ehrenamt am Herzen – doch aktuell sieht es danach aus, dass es mit dem Erwachsenwerden meiner Generation eher ausstirbt.

Viele Grüße,

Eure Eva

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