Korfu, Tag 5.

Überschüttet mit Ouzo.

Der Mittwoch startet ganz entspannt mit ausschlafen und anschließendem Langschläferfrühstück. Nach einer kurzen Einkaufsrunde (natürlich mit anschließendem Ouzo) mache ich mich auch schon wieder fertig für meinen nächsten Ausflug. Wie zu erwarten war, sind wieder fast dieselben Dumpfbacken dabei wie am Tag zuvor. Kaum bin ich am Treffpunkt angekommen und packe meine Kamera aus, werde ich schon von dem österreichischen Besoffenen gefragt, ob er noch ein Foto von mir machen soll. Ich lehne dankend ab und er fragt die nächsten in der Runde – diese lassen sich gern fotografieren. Ich scheine ein noch unentdecktes Talent in ihm geweckt zu haben. Seine Frau lacht. Als der Bus kommt, können nur die deutschen Wartenden direkt einsteigen. Dies stößt auf einigen Unmut bei den Franzosen, die einen grundsätzlich auf französisch ansprechen und erwarten, dass jeder sie versteht. Typisch Franzosen. Der zweite Bus kommt und kommt einfach nicht, unser Busfahrer Sami wird langsam leicht ungehalten. Er regt sich lautstark auf korfiotisch auf und raucht im Bus. Dies stößt wiederum bei den Deutschen auf einigen Unmut, aber typisch deutsch wie wir sind, regen wir uns nur hintenrum auf, machen den Mund aber nicht auf.

Sami redet genau so, wie er Bus fährt: sehr schnell und sehr aufbrausend. Ich habe wohl noch niemanden auf 20 Kilometern so oft die Hupe betätigen sehen. Außerdem klingelt ständig sein Telefon – und er geht ran. Alle Businsassen haben Probleme mit ihren Sitzlehnen, welche ständig ohne ihr Zutun nach Hinten klappen. Ich helfe multiplen Omas dabei, wieder in die Senkrechte zu gelangen. Als der andere Bus endlich ankommt, stellt sich heraus, dass es zu viele Franzosen für den einen Bus gibt. Also werden ein paar davon noch in unseren Bus verfrachtet. Augenblicklich ist es mit der Ruhe vorbei, die Franzosen schreien durch den ganzen Bus. Ich glaube, ich werde verrückt. Nach einer halbstündigen Fahrt bin ich mit den Nerven am Ende. Wir halten an und eine Reiseführerin kommt herein, sie erklärt, dass „tous les francophones“ jetzt in einen anderen Bus umsteigen müssen, und man ihr folgen solle. Unter lautem Gegröle verlassen die im Durchschnitt 60-jährigen Franzosen den Bus und noch mehr Deutsche steigen hinzu. Angeleitet werden diese von einer Dame, die sich als unsere Reiseführerin entpuppt. „Ich habe einen typisch griechischen Namen“, sagt sie. „Ich heiße Elke.“ Lautes Gelächter. Ich lache nicht. Wir wollen weiterfahren, doch Sami muss zuerst noch eine Rauchen. Immerhin hat er jetzt eine ganze halbe Stunde nicht geraucht. Die beiden Franzosenbusse fahren uns währenddessen davon.

Unser erster Halt ist das Achilleion, die Sommerresidenz Kaiserin Sissis von Österreich. Mit dieser kenne ich mich ja mittlerweile schon weitestgehend aus. Demnach höre ich bei der Führung weniger zu, was Elke uns über Leben und Sterben der Kaiserin erzählt, und mache mich lieber auf die Suche nach schönen Fotomotiven. Die Frau des besoffenen Österreichers schaut mir regelmäßig über die Schulter und fragt: „Wos gibt’s do zum Fotografiern?“. Wenn ich keine gescheite Antwort auf Lager habe, schaut sie resigniert, und wenn ich das Motiv anschaulich beschreiben kann, macht sie selber mit ihrer DigiCam dasselbe Foto. Am Ende der Führung dreht sie sich zu mir um und labert mich auf Österreichisch voll – ich verstehe nur spanisch. Da bemerkt sie ihren Fehler und sagt: „Oh! Entschuldigen Sie! Ich hob sie mit meim Schatzi verwechselt! Groß und gestreiftes Oberteil, gonz wie dr´Sepp.“ Na klasse, jetzt werde ich schon mit dem Vollzeit-Schluckspecht verwechselt.

Zurück im Bus fragt Elke, ob hier jemand französisch spreche. Der Sachse hinter mir antwortet mit entschiedenem: „Sí!“. Dies scheint ihr als Antwort zu genügen, dass kein Franzose sich in unseren Bus verirrt hat. Als nächstes fährt Sami uns auf einen Aussichtspunkt auf der Halbinsel Kannoni. Deren Namen rührt von der riesigen Kanone her, die im Mittelalter zur Verteidigung der Insel hier aufgestellt wurde. Heute birgt die Halbinsel einen fantastischen Ausblick auf die Mäuseinsel und den Flughafen, dessen Rollfeld spektakulär in einer Bucht aufgeschüttet ist. Wir sitzen in einem Café und können den Passagieren der startenden und landenden Flugzeuge förmlich winken. Ein atemberaubendes, jedoch auch sehr lautes Schauspiel. Es erinnert an die Flugübungen der französischen Mirages über der Provence.  Wohl deshalb sind die Franzosen von der Lautstärke völlig unbeeindruckt, und übertönen den Turbinenkrach mit ihrem eigenen Geschwätz. Die Mäuseinsel ist von hier oben ein grüner Punkt im Meer mit einem braunen „Mäuseschwanz“ aus Felsen, der bei schlechtem Wetter aufgrund der schäumenden Wellen zum weißen Rattenschwanz wird. Die kleine Insel liegt in der Mitte der Bucht vor Kerkyra und ist damit ein bekanntes Wahrzeichen Korfus, das schon vom Flugzeug aus betrachtet werden kann.

Zurück im Bus nach der Kaffeepause schwätzt Sami mich auf korfiotisch voll. Wieder verstehe ich nur Bahnhof. Während er redet wie ein Wasserfall, fährt Sami über abenteuerlich enge Serpentinen zurück in Richtung Kerkyra. Mehrmals verfehlen wir Hausecken oder entgegenkommende Fahrzeuge nur um Haaresbreite. Elke erklärt, Sami sei einer der besten Busfahrer. Eine Aussage, die ich mittlerweile schon nicht mehr ganz glaube, denn genau dasselbe wurde am Vortag auch über Spiros gesagt. Unsere nächste Anfahrtsstelle ist die Altstadt Kerkyras. Auf dem Weg lernen wir, dass Korfu von den Einheimischen nur Kerkyra genannt wird. Der Name Korfu kommt vom selben Wortstamm wie das deutsche Wort Koryphäe und wird auf die Kenntnisse der Korfioten um Schrift und Ikonenmalerei im Mittelalter zurückgeführt. Außerdem erzählt Elke uns die Legende um die Entstehung Korfus. Diesem antiken Mythos nach lebte auf dem griechischen Festland vor Korfu die Nymphe Kerkyra, die dort auf einen Bach aufpassen sollte. Eines Tages war sie auf der Flucht vor dem Gott Zeus, der unsterblich in sie verliebt war. In ihrer Verzweiflung bat sie Poseidon um Hilfe. Dieser bot ihr an, ins Meer zu springen, und sie dann in eine Insel zu verwandeln.

Einer meiner Mitreisenden, der ein sehr 70er-Jahre-mäßiges (vermutlich original aus dieser Zeit stammendes) Hemd trägt, filmt die seltsamsten Details, wie beispielsweise einen Fensterrahmen, minutenlang mit seiner fast historischen Videokamera. Außerdem müssen immer dieselben paar Mitfahrer bei jeder kleinsten Gelegenheit aussteigen und rauchen, nur damit danach der ganze Bus wieder auf sie warten kann. Die Österreicherin hält durch Langsamkeit und Geschwätz bei ebenso jeder Gelegenheit den gesamten Verkehr des Ein- und Aussteigens auf. Als wir endlich in der Kerkyra`schen Altstadt ankommen, erwarte ich eigentlich eine ausführliche Stadtführung. Elke zeigt uns jedoch nur den Treffpunkt für später, und überlässt uns dann unserem eigenen Schicksal. Deshalb erkunde ich für die nächsten zwei Stunden auf eigene Faust die Stadt. Zurück am Treffpunkt werde ich gefragt ob Gebhardt und Elfi meine Großeltern sind. Ich verneine belustigt. Die, die fragen, sind Birte, Marita und Regina. Regina ist ebenfalls allein unterwegs, allerdings nicht so freiwillig wie ich. Ihre Begleitung, eine Arbeitskollegin, hat sie am Abflughafen sitzen lassen – also ist sie alleine in den Flieger gestiegen. Es ist ihr deutlich anzusehen, dass sie sehr unglücklich ist mit ihrer Situation. Ich nehme mir vor, sie die nächsten Tage ab und zu mal anzusprechen, vielleicht fühlt sie sich dann nicht so allein. Birte und Marita kommen aus Köln und Berlin und sind gemeinsam auf Reisen. Ich verabrede mich mit den Dreien für den nächsten Tag an der Pool Bar, um Reginas Geburtstag zu feiern.

Beim anschließenden Besuch einer Taverne sitzen wir vier an einem Tisch und haben eine gute Zeit. Die Taverne wurde als ganz typisch griechisch angepriesen, hier würde man mit Ouzo überschüttet, und die Stimmung sei so gut, dass man ums Sirtakitanzen eigentlich nicht herumkommt. Am Ende des Besuchs sieht das Fazit folgendermaßen aus: die Atmosphäre ähnelt eher einer Bahnhofshalle als einer typischen Taverne, genau zwei Sirtaki-Tänzer traten für fünf Minuten auf, und überschüttet wurde man mit nichts, außer stillem Wasser. Trotzdem ist die Stimmung der Franzosen im Bus zurück ausgelassen, ich frage mich was ich falsch gemacht habe, oder wo die sich jetzt wohl einen reingelötet haben auf dem Weg. Die Sachsen haben ein Wegbier, ich wundere mich, warum ich keines habe. Zurück im Hotel verabschiede ich mich von Regina, Marita und Birte. Ich gehe direkt ins Bett, denn jetzt brauche ich erstmal Ruhe. Bei dem Geschrei der Franzosen platzt einem nämlich beinahe das Trommelfell.

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