Korfu, Tag 2.

Tödliche Unfälle. Zu empfehlen.

Um acht Uhr werde ich unwirsch vom Telefon meiner Nachbarn geweckt. Aufgrund deren lautstarken Gerödels kann ich anschließend auch nicht mehr einschlafen, und begebe mich auf einen morgendlichen Rundgang durchs Hotel. Zum Glück wohne ich nicht am Hauptpool, denn dort läuft ab neun Uhr Disco-Musik und Rentner verrenken sich dazu beim Aqua-Gym im Wasser. Das Frühstück im Hauptrestaurant des Hotels bietet typischen „Continental-Breakfast“-Charme und einen Ausblick auf den Garten. Nach dem Frühstück treffe ich zufällig das Paar aus dem Transfer-Bus wieder. Ich nenne die beiden jetzt spontan Fritz und Margarethe, eigentlich habe ich aber keine Ahnung, wie die beiden heißen.

Margarethe trägt eine auffällige Brille und mindestens genauso auffällige, pinke Kleidung. Fritz währenddessen ist in typisches beige-grau gehüllt und seiner Frau immer drei Schritte voraus, denn er meint stets zu wissen, wo es lang geht, und denkt, er sei der einzige, der hier irgendwie mitdenkt. Dies äußert sich bei der von meiner Reiseleitung initiierten Begrüßungsveranstaltung, die nach dem Frühstück an der Rezeption stattfindet. Eine Holländerin namens Sylvie (wie hätte sie auch anders heißen können) erklärt uns die Wege im Hotel und informiert uns über die Ausflüge, die man auf der Insel gemeinsam mit den anderen Reiseteilnehmern unternehmen kann. Sylvie meis natürlich alles über Korfu, die Landschaft, die Geschichte und die Leute. Auf ihrem Ipad zeigt sie Fotos von Sehenswürdigkeiten. „Das ist jetzt nur ein Ausschnitt, in echt sieht das noch viiiiel schöner aus! Kann ich empfehlen!“, dokumentiert sie jeden der angebotenen Ausflüge. Nach jedem Satz von Sylvies Seite kommt eine Rückfrage von Fritz, der ihr damit ständig die Worte im Mund umdreht oder Informationen vorwegnimmt. Die anderen Begrüßungsgäste sind sichtlich genervt.

Bei Sylvie kann man auch Autos mieten, und obwohl ich noch unter dem lokalen Mindestalter für das Mieten eines Fahrzeugs bin, versuche ich mal mein Glück. Die Holländerin ist jedoch auf Zack und informiert mich, dass ich das noch nicht darf, und Roller seien viiiiiiel zu gefährlich. Hier passieren ganz regelmäßig tödliche Unfälle! Ich fühle mich nicht ganz ernstgenommen, entscheide mich dann aber für zwei Ausflüge und buche diese. Dazu bewegt haben mich die folgenden Gründe: es ist nicht allzu teuer, ich sehe Orte, die mich interessieren, und nach einem Ausflug mit lauter Rentnern hat man wieder was zu schreiben. Oder jemanden wiederzubeleben. Ab einem bestimmten Alter weiss man ja nie. Egal was, am Ende habe ich einige Anekdoten zu erzählen.

Nach der Begrüßungsveranstaltung möchte ich mich eigentlich an den Pool legen, allerdings muss ich mir zuerst im Spa-Bereich Pool Towels ausleihen. Dieser ist allerdings von Franzosen so dermaßen verstopft, dass ich mich zuerst für einen Drink an der Pool Bar entscheide. Nach gefühlten zwanzig Stunden ist der Spa-Bereich wieder zu betreten und ich kriege endlich mein Handtuch. Anschließend lege ich mich direkt an den Pool und lasse mich verbrutzeln. Der Pool ist angenehm kühl und es ist ruhig – dieser Poolbereich ist „adults only“. Später verlasse ich noch das Hotel und begebe mich auf einen Spaziergang durch das „Dorf“. Dorf in Anführungszeichen, da hier keine normalen Griechen wohnen. Die Struktur des Ortes sieht folgendermaßen aus: Hotel Hotel Supermarkt Souvenirshop Hotel Tabepna Hotel Autovermietung Souvenirshop Hotel Hotel. Im nächstgelegenen Supermarkt kaufe ich Wasser in einer 8-Liter-Flasche und Postkarten. Der Mann an der Kasse bietet mir einen Ouzo an – ich finde, dieses Konzept des mit dem Bezahlen verbundenen Saufens könnte man auch in Deutschland einführen. Ich passiere drei defekte Bankautomaten, bis ich einen funktionierenden finde und Geld abhebe.

Danach begebe ich mich zurück ins Hotel, um den Tag bei Abendessen und einem Cocktail an der Poolbar entspannt ausklingen zu lassen – dachte ich. Beim Abendessen läuft die Sirtaki-Musik in Dauerschleife und ich werde von den Kellnern ignoriert. Ich frage mich, ob das in Vier-Sterne-Hotels normal ist, ich schätze nicht, finde mich aber damit ab. Als ich das Restaurant verlasse und auf die Bar zusteuere, laufe ich direkt Fritz und Margarethe in die Arme, die mich freudig begrüßen und sich an meinen Tisch setzen. Sie bieten mir das Du an und erzählen mir von ihrem Aussteigerleben auf La Palma, das sie die letzten zwölf Jahre geführt haben. Mir schwant schon übles, und ich versuche, die beiden durch viel Gelaber ein wenig abzuschrecken. Als sich herausstellt, dass wir dieselben Ausflüge gebucht haben, sehe ich meine Felle davonschwimmen, und freunde mich mit meinem Schicksal an. Ich sehe schon vor mir, wie ich die restliche Woche ständig versuche, den beiden aus dem Weg zu gehen, um mir nicht bei jeder Gelegenheit das Gelaber über La Palma anhören zu müssen. Fritz und Margarethe nehmen nämlich auch genau denselben Flug nach Hause wie ich. Um elf Uhr gehe ich zurück in mein Zimmer und sitze noch ein wenig auf meiner Terrasse. Das Wetter ist nachts viel zu angenehm, um es zu verpassen.

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