Korfu, Tag 1.

Ein-Zwei Minuten.

Heute ist es soweit. Alle Vorbereitungen sind getroffen, die Koffer gepackt, die Reise geht los. Die Destination, die griechische Insel Korfu, mag unspektakulär klingen. Doch trotzdem ist dies ein großer Schritt, nicht für die Menschheit, denn Korfu ist sowohl bereits betreten als auch vollständig zivilisiert, jedoch für mich als Person, trete ich diese Reise doch zum ersten Mal komplett allein an. Darum mag einen nicht wundern, dass die Familie dem Ganzen mit einem lachenden, aber auch einem weinenden Auge entgegenfiebert, immer auf sämtliche, noch so unwahrscheinliche Risiken fokussiert. Nun aber genug des hochgestochenen Geschwafels, jetzt fängt nämlich die Geschichte an.

Gestartet wird im wunderschönen Gechingen, mit dem Auto, denn mein Heimatort ist noch nicht fortschrittlich genug, um eine CO2-neutrale Anreise zum Flughafen zu ermöglichen. Angesichts des Öko-Footprints, den eine Pauschalreise wie diese kreiert, fällt dies allerdings auch nicht mehr ins Gewicht. Außerdem bin ich stets bereit, eine negative CO2-Bilanz auf mich zu nehmen, solange ich im Heiligsblechle meines Vaters von demselben persönlich befördert werde. Wie zu erwarten steppt am Flughafen der Bär, wie für ein Wochenende in den Sommerferien gewöhnlich. Uns ist kaum möglich, irgendwo zu parken, drum wird kurzerhand ein anderes Auto eingeparkt, welches sich nun wohl oder übel gedulden muss.

Nach hektischer Verabschiedung betrete ich mitsamt meines knallgrünen Koffers Terminal 3 des STR und bemerke sofort, dass mein Flug mit bereits 50 Minuten Verspätung angekündigt ist. Trotzdem stelle ich mich schonmal an meinem Check-In Schalter an, um meinen auffälligen Koffer einzureichen. Eine Condor-Mitarbeiterin informiert mich direkt über den Premium-Service, den sie mir heute für nur 120€ für den folgenden Flug anzubieten hat. Als ich ablehne, verzapft sie, leicht resigniert, denselben Scheiß den restlichen Wartenden und stößt auf dieselbe Reaktion.

Die Wartezeit bis zur Ankunft meines Fliegers gestaltet sich überraschend kurzweilig, denn ich treffe direkt im ersten Duty-Free-Shop meinen Komilitonen. Er befindet sich auf dem Weg nach Lloret de Mar, zum Saufurlaub mit seinen Kumpels. „Jetzt muss ich mir halt die allerletzten Gehirnzellen auch noch kaputtsaufen, bevor die Uni wieder losgeht“, rechtfertigt er seine Anwesenheit. Im Flugzeug bekomme ich tatsächlich den Sitzplatz, den ich gebucht habe – mit mehr Beinfreiheit, natürlich. Während dem Start herrscht hervorragende Sicht und ich kann in Ruhe und bei bequemen Platzverhältnissen das Ländle von oben betrachten. So schnell wie wir gestartet sind, landen wir auch schon wieder, und haben im Endeffekt doch nur eine halbe Stunde Verspätung. Auch das anschließende Abholen des Koffers funktioniert wie am Schnürchen, kaum fährt das Gepäckband los, kann ich schon das stechende Grün meines Koffers erkennen und diesen direkt mitnehmen. Einwandfrei, denke ich, da bin ich noch vor halb elf Ortszeit im Hotel. Falsch gedacht, aber dazu später mehr.

Meine Reiseleitung spricht eine sehr verwirrende Kauderwelsch-Mischung aus Deutsch, Englisch und irgendetwas anderem, das ich nicht definieren kann. Trotzdem kann mir verständlich erklärt werden, wo mein Transfer-Bus steht. In diesem befinden sich bereits zwei einigermaßen betagte, schwäbische Paare, die mich sogleich als Verbündete ansehen, und mich ab sofort als Dolmetscher mit dem Busfahrer nutzen. Zufällig sprechen die beiden Paare deutsch, der Busfahrer zufällig nicht. Auf meine Frage, wann wir denn losfahren, bekomme ich von diesem die Antwort: „One, two minutes.“ Griechische Minuten scheinen mindestens 60 deutschen Minuten zu entsprechen, denn genau so lange warten wir noch, bis es tatsächlich losgeht. In der Zwischenzeit warte ich vor dem Bus, denn da ist es zwar auch arschwarm, dafür aber wenigstens nicht stickig. Außerdem ist das Kino hier wesentlich besser als im abgedunkelten Van. Ich mache einige Feststellungen.

Typisch Griechenland ist offenbar, wenn ein winziges, schon bei Schritttempo in seine Einzelteile zerfallendes Auto mitten auf der Straße parkt, den Warnblinker anwirft und alle Autos, Busse und andere Fahrzeuge dahinter halten, und es ihm gleichtun. Will man auf einer stark befahrenen Straße ausparken, hilft zumeist dasselbe: ein Auto mit aktivem Warnblinker scheint, in den Augen der Griechen, zu allem berechtigt zu sein. Wohl aus diesem Grund fahren in und um den Flughafen Korfu ausschließlich Fahrzeuge mit schrillem Warnblinkkonzert umher, das in seiner Helligkeit schon beinahe die Lautstärke der Klimaanlagen der parkenden Busse übertönt. Und sollte der Fall eintreten, dass man mit dem Warngeblinke nicht weiterkommt, tuts notfalls auch noch die Hupe.

Multiple, viel zu motivierte Reiseleiter mit dämlichen Sonnenhüten passieren unseren Bus, bis wir dann endlich losfahren. Während der Fahrt dudelt der Busfahrer ständig genau dasselbe griechische Volkslied übers Radio und startet fragwürdige Überholmanöver.  An der Hinterachse des Busses hört sich etwas ganz ungesund an. Da ich die Vorlesung „Grundlagen der Kraftfahrzeugtechnik“ noch nicht besucht habe, und die gleichnamige Schulung aus dem Dezember 2018 mit dem komischen Dozenten aus dem Schwarzwald fachlich fragwürdig war, kann ich allerdings nicht genauer lokalisieren, was. Zwischenzeitlich fällt mir auf, dass die Beschreibung der Reiseleitung, die Fahrt zum Hotel würde zehn Minuten dauern, erneut leicht untertrieben war. Oder genauer: sehr untertrieben. Wir sind gute 45 Minuten unterwegs – erneut eine griechische Zeitverzerrung, nehme ich an. Im Endeffekt ist es halb zwölf Uhr Ortszeit, als ich die Eingangshalle des Sentido Apollo Palace betrete.

Im Hotel angekommen werden wir bereits erwartet. Alles ist bereit, ich und das eine ältere Paar können direkt auf unsere Zimmer. Das andere Pärchen ist noch zum nächsten Hotel weitergefahren, oder direkt zur nächsten Insel, falls das auch wieder so lange gedauert hat. Mein Zimmer ist ruhig gelegen, direkt am Adults Only-Pool, und sehr modern ausgestattet. Ich sage nur: grau, und indirekte Beleuchtung. Ich brauche gefühlte zwei Stunden, um herauszufinden, dass die Air Condition nur bei geschlossenen Türen funktioniert, und kühle dann erst einmal herunter. Nach dem Auspacken gebe ich noch sämtlichen wichtigen Personen Updates über meine Ankunft und genieße noch eine Weile die Atmosphäre auf meiner Terrasse bei einem Bier aus dem Lunchpaket des Hotels. So lässt sich ein Urlaub starten. Vor allem mit viel Humor – denn sonst wärs ja auch langweilig.

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